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Rubén Gil und seine Kunst im Fokus

Aktualisiert: 23. März

Rubén Gil, Absolvent der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) im Fachbereich Bildende Kunst, bewegt sich an der Schnittstelle von Konzeptkunst, Design und sozialpolitischer Analyse. Seine Arbeiten sind oft interaktiv, fordern das Publikum heraus und hinterfragen bestehende Strukturen. Ob durch einen bewusst unbequemen Stuhl, eine KI-gestützte Auseinandersetzung mit dem Schweizer Einbürgerungsprozess oder eine partizipative Installation über Identitätskonstruktion – Gil nutzt Kunst als Mittel, um gesellschaftliche Widersprüche zu beleuchten.

Im schriftlichen Interview mit der Königskammer spricht er über die Intentionen hinter seinen Arbeiten, die Rolle des Publikums und die Herausforderung, Kunst über akademische Kreise hinaus zugänglich zu machen.


Artist RUBÉN GIL                                                                       Photo by Debsuddha Banerjee
Artist RUBÉN GIL Photo by Debsuddha Banerjee





  1. Wie kam es zur Idee, einen unbequemen Stuhl zu entwerfen? Ist er als funktionales Designobjekt oder eher als konzeptuelles Kunstwerk gedacht – und kann man ihn tatsächlich kaufen?

Die Arbeit ist von einem französischen Ausdruck inspiriert: „avoir le cul entre deux chaises“ (wörtlich: „den Hintern zwischen zwei Stühlen haben“), der das Unbehagen einer ambivalenten Situation beschreibt. Es handelt sich um ein konzeptuelles Werk, das von Anfang an als Installation gedacht war. Dennoch gefällt mir die Ambivalenz seines Status als „halb-funktionales“ Objekt: Es kann sowohl in einem Ausstellungsraum als auch in einem häuslichen Umfeld stehen, ohne seinen absurden und unbequemen Charakter zu verlieren.
THE UNSATISFYING CHAIR
THE UNSATISFYING CHAIR


In deiner Arbeit zum Schweizer Einbürgerungsverfahren nutzt du ein KI-generiertes Video, basierend auf dem offiziellen Fragebogen des Kantons Wallis. Wie verhinderst du, dass das Ganze nur zu einer intellektuellen Übung in Bürokratie wird – statt Integration und Zugehörigkeit wirklich greifbar zu machen?




Genau darin liegt die Intention der Arbeit: Sie ist selbst ein Produkt der Bürokratie. Als jemand aus einer Einwandererfamilie habe ich miterlebt, wie Verwandte diesen Prozess durchlaufen mussten – und war teils schockiert über die gestellten Fragen, die vorgeschriebenen Lektionen im Informationsheft, und vor allem über die Widersprüche eines Verwaltungsverfahrens, das über menschliche Leben urteilt. Ironischerweise können selbst gebürtige Schweizer*innen manche Fragen nicht beantworten, die ihre Integration belegen sollen. Diese Diskrepanz offenbart in meinen Augen die Absurdität eines Verfahrens, das oft losgelöst von der Lebensrealität erscheint. Für das Projekt habe ich einen realitätsnahen Avatar genutzt – ein KI-Tool, wie es Unternehmen zur Präsentation einsetzen. Indem ich die bürokratische Logik ins Extreme trieb, wollte ich sie so weit wie möglich entmenschlichen. Das Ergebnis wirkt kalt und distanziert – und konfrontiert das Publikum direkt mit dem eigenen Wissen, eingebettet in ein scheinbar interaktives, aber letztlich leeres Frage-Antwort-Spiel.

In deinem Projekt mit geschredderten Selbstporträts geraten Teilnehmende in eine paradoxe Situation – sie drücken sich aus, nur um ihre Arbeit direkt zerstört zu sehen. Lässt sich das nicht eher als Zynismus denn als ernsthafte Auseinandersetzung mit Identität verstehen?

Die Arbeit ist ohne Frage zynisch – doch sie richtet sich nicht gegen die Einzelnen. Vielmehr thematisiert sie, wie wir uns selbst inszenieren und versuchen, unseren Wert in den Augen anderer zu steigern. Die Anweisung auf dem A4-Blatt war klar: „Zeichne oder schreibe dein Selbstporträt.“ Aber – zu welchem Zweck? Die Installation lud dazu ein, das Porträt in die bereitgestellten Umschläge zu legen und in eine Wahlurne zu werfen. Doch nirgends wurde erklärt, was damit geschieht. Genau darin liegt die Bedeutung: Der Impuls, sich darzustellen, dem äußeren Blick zu antworten – selbst ohne zu wissen, wofür. Ein Selbstporträt ist immer auch eine Inszenierung. Aber was zeigt es wirklich? Ich glaube, es sagt weniger über uns aus als über unser Bedürfnis, gesehen und anerkannt zu werden. Meine Rolle ist dabei nicht zu urteilen, sondern diesen sozialen Mechanismus sichtbar zu machen: unser fast instinktives Bedürfnis, uns darzustellen – oft ohne zu wissen, warum.

In deiner Arbeit zum Thema Obdachlosigkeit verwendest du einen Einwegspiegel, um gesellschaftliche Unsichtbarkeit zu thematisieren. Könnte man einwenden, dass dies eine bloße Metapher bleibt – anstatt die realen Ursachen und Folgen sozialer Ausgrenzung anzusprechen?

Das ist eine berechtigte Frage – zumal ich selbst diese Erfahrung nicht gemacht habe. Aber durch die Arbeit versuche ich, sichtbar zu machen, dass soziale Ausgrenzung auch durch Formen des Voyeurismus geprägt ist. Die Installation, betretbar durch zwei Eingänge, konfrontiert das Publikum mit einer Wahl: den Blick von außen, warm und geschützt, oder den Schritt ins Innere der Unterkunft. Der Einwegspiegel verstärkt die Spannung zwischen Ein- und Ausschluss nicht nur symbolisch, sondern funktional: Eine Seite kann beobachten, ohne gesehen zu werden – jedoch nicht ohne Unbehagen. Die andere Seite ist dem Gefühl ausgesetzt, in einem verletzlichen Raum beobachtet zu werden. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen zwei ungleichen, aber miteinander verwobenen Perspektiven – und eine Erfahrung, die auf eine subtile symbolische Gewalt verweist.

In deinen Arbeiten spielt Interaktivität und Teilhabe eine zentrale Rolle. Besteht nicht die Gefahr, dass die Beteiligung des Publikums rein symbolisch bleibt und kritisches Denken zur passiven Erfahrung verkommt?

Meine Herangehensweise ist bewusst experimentell – ich liebe es, Konventionen innerhalb der Institution und des „White Cube“ zu hinterfragen, auch auf die Gefahr hin, zu scheitern. Ein wichtiger Teil meiner Überlegungen gilt der Inszenierung: Wie lässt sich eine Installation so gestalten, dass sie die Interaktion mit dem Publikum optimiert? Dieses Spannungsfeld fasziniert mich – auch wenn es oft schwer ist, die richtige Balance zu finden. In meinem Schaffensprozess steht die Szenografie manchmal ebenso im Mittelpunkt wie das Konzept selbst. Ich verstehe meine Rolle als Katalysator: Ich biete Elemente an, ohne zu erwarten, dass alle darauf gleich reagieren. Selbst eine ausbleibende Reaktion kann Teil der Erfahrung sein.

Deine Arbeiten beleuchten gesellschaftliche Widersprüche – häufig aus konzeptueller oder philosophischer Perspektive. Läufst du nicht Gefahr, vor allem ein akademisch gebildetes Publikum anzusprechen – und damit genau jene auszuschließen, die von den Themen betroffen sind?

Ich kann nicht leugnen, dass die Bildende Kunst in einem privilegierten Rahmen existiert. Umso wichtiger ist es für mich, zu reflektieren, an wen sich meine Arbeiten richten – und wie ich Situationen schaffen kann, die bestehende Normen hinterfragen. Mein Ziel ist es, im Sinne eines Katalysators, ein „gebildetes“ Publikum zu sensibilisieren und zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung zu ermutigen. Ich sehe es als Chance, diesen Bereich als Plattform für soziale Kritik zu nutzen. Zugleich bin ich mir bewusst, dass auch ich Teil dieser Blase bin. Deshalb strebe ich danach, meine Arbeiten auch außerhalb der Institution zu zeigen – in der Hoffnung, ein breiteres Publikum zu erreichen.

Gils Kunst existiert nicht im luftleeren Raum – sie entfaltet sich im Dialog: mit dem Raum, dem Publikum und der Gesellschaft. Sie bleibt im Fluss, offen für Deutung und Veränderung. Seine Werke setzen Impulse, irritieren Sehgewohnheiten und widersetzen sich festen Kategorien. Sie sind Experimente der Wahrnehmung, Reflexionen über Machtstrukturen, Identität und Zugehörigkeit.

In einer Welt voller klarer Definitionen und funktionaler Systeme lädt Gils Kunst dazu ein, Unsicherheit auszuhalten – und sich auf die Ambivalenzen des Daseins einzulassen. Sie ist kein endgültiges Statement, sondern eine Einladung zum Denken – und vielleicht noch mehr: zum Fühlen.




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